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Zweiter Anlauf, fester Boden

wie Ausbildung neue Wege ebnet

Text: Judith Egelhof
Fotos: Erol Gurian

08. Dezember 2025

Manche Berufswege starten leise. Andere beginnen nach einer Pause, mit mehr Zweifel – und mit größerem Mut. Bei diakonia finden Menschen mit besonderen Voraussetzungen einen Einstieg, der nicht überfordert, sondern begleitet. Eine persönliche Geschichte über Mut, Möglichkeiten und ein System, das mitgeht.

Nikol bei der reha-Ausbildung der diakonia

Mut für den Neuanfang

Es kam nicht schleichend, sondern plötzlich. Als Nikol ihre Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten begann, war sie motiviert, voller Tatendrang – und eigentlich auf einem guten Weg. Doch dann kam die Erkrankung, die sie aus der Bahn warf. Der Alltag wurde zu viel. Die Ausbildung musste sie abbrechen. Was danach kam, war ein langes Schweben im Ungewissen. Jobcenter-Termine, Bewerbungen, Beratungsgespräche. Irgendwann fiel das Wort "Hauswirtschaft" – ein möglicher neuer Anfang. Nikol sagte Ja. Und landete bei diakonia.

Dort fand sie mehr als nur Arbeit. Sie fand ein Umfeld, das sie ernst nahm, ohne sie zu überfordern. Menschen, die zuhörten und hinsahen. Eine Struktur, die sich an sie anpasste – nicht umgekehrt. Und Schritt für Schritt kam der Mut zurück.

Heute ist Nikol 29 Jahre alt und steht kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Mitten im Leben. Die Basis ihres Neustarts war ein besonderes Konzept.

Bei diakonia fand Nikol ein Umfeld, das sie ernst nahm, ohne sie zu überfordern. Menschen, die zuhörten und hinsahen. Eine Struktur, die sich an sie anpasste – nicht umgekehrt.
Nikol in Reha-Ausbildung bei diakonia

Nikol wagte den Neuanfang
Nach einer Krise, nach dem Abbruch, nach dem Zweifel. Heute steht sie kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung bei diakonia.

Reha-Ausbildung – ein Weg mit vielen Haltegriffen

Der Begriff klingt nüchtern: Reha-Ausbildung. Doch was dahintersteht, ist individuell, manchmal auch emotional – doch vor allem: durchdacht. Denn diese Form der Ausbildung richtet sich an Menschen mit besonderem Förderbedarf, wie Nikol ihn aufgrund ihrer vorangegangenen Erkrankung hatte. Wer eine Reha-Ausbildung macht, bekommt Unterstützung auf mehreren Ebenen: kleinere Klassen, mehr Zeit, gezielte Begleitung. Der Betrieb bekommt einen Ausbildungszuschuss durch die Agentur für Arbeit und gegebenenfalls ergänzende Fördermittel aus anderen Initiativen. Die Betriebe benötigen jedoch speziell geschultes Personal – sogenannte ReZa-Fachkräfte mit rehabilitationspädagogischer Zusatzqualifikation für Fachkräfte aus der betrieblichen Sozialarbeit oder Fachanleitung.

Es geht um Fachlichkeit, aber genauso um Selbstvertrauen“, erklärt Halina Neteler, Bereichsleiterin bei diakonia inhouse.

Bei diakonia gehört die Reha-Ausbildung mittlerweile zum festen Bestandteil des Ausbildungsangebots. "Für uns war das eine logische Weiterentwicklung", sagt Halina Neteler, die seit Jahren Menschen im Fachbereich Hauswirtschaft durch Ausbildungen begleitet und neue Konzepte mitgestaltet. Die Idee: Personen, die aufgrund von Krankheit oder Arbeitslosigkeit längere Zeit raus aus dem Beruf waren, sollen nicht "irgendwie" zurück in den Arbeitsmarkt. Sie sollen qualifiziert werden – und zwar so, dass sie langfristig bestehen können. Nicht nur im Beruf, sondern auch im Alltag. "Es geht um Fachlichkeit, aber genauso um Selbstvertrauen", erklärt Neteler. Um die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen. Um echte Perspektiven.

Dass dieses Ausbildungsformat gerade bei diakonia seinen Platz gefunden hat, ist kein Zufall. Die Reha-Ausbildung reiht sich nahtlos ein in das breite Spektrum an Unterstützungs- und Beschäftigungsangeboten des Unternehmens: Arbeitsgelegenheiten, Zuverdienstmodelle, berufliche Qualifizierungen und Umschulungen greifen ineinander und bilden gemeinsam ein durchlässiges System. Für Menschen mit Bruchstellen in der Erwerbsbiografie bedeutet das: Sie können sich in Etappen entwickeln. Ohne Sprung ins kalte Wasser, aber mit klarer Richtung.

Nikol in Reha-Ausbildung bei diakonia

Die hauswirtschaftliche Praxis in einer Kinderkrippe gefällt Nikol.
Heute gibt es Thunfischpizza. Zusammen mit Mariangela Santoro (l.), ihrer Ausbilderin, bereitet sie den Salat dazu vor.

Nikol in Reha-Ausbildung bei diakonia

Mit Halina Neteler (r.), die die Ausbildungen im Fachbereich Hauswirtschaft begleitet, plant Nikol die nächsten Schritte auf ihrem beruflichen Weg.

Denn diakonia versteht sich nicht nur als soziale Arbeitgeberin, sondern auch als Umfeld der Möglichkeiten. Wer sich etwa in einer AGH-Maßnahme bewährt und stabilisiert – wie Nikol zu Beginn –, kann in ein Praktikum oder eine Qualifizierung wechseln. Wer darin wächst, kann eine Ausbildung machen. Wer diese abschließt, bekommt Unterstützung bei der Vermittlung in eine reguläre Stelle – intern oder extern. Es geht nicht um eine starre Kette, sondern um Bewegungsspielraum. Immer orientiert an der Frage: Was braucht der Mensch gerade jetzt, um weiterzukommen?

Wie aus einer Frage ein Weg wurde

Als Nikol nach ihrer Arbeitsgelegenheit im diakonia-Gastronomiebereich von Halina Neteler gefragt wurde, ob sie sich eine Ausbildung vorstellen könne, war sie erst skeptisch. Aber auch neugierig. Der Vorschlag: eine dreijährige Reha-Ausbildung zur Fachpraktikerin in der Hauswirtschaft. Drei Jahre, dual organisiert – wie in anderen Unternehmen üblich. Die Schule: eine Einrichtung des Kolpingwerks, spezialisiert auf geschützte Lernumfelder. Der Betrieb: diakonia. Marktorientiert und zugleich mit besonderem Fokus auf die berufliche Weiterentwicklung der einzelnen Menschen.

Nikols reflektierte Herangehensweise, ihr Verantwortungsgefühl und der Anspruch an die eigene Leistung wird geschätzt.

Schritt für Schritt zu mehr beruflicher Sicherheit

Nikols Betreuerinnen beobachteten ihre Entwicklung. Nach dem Abschluss der Reha-Ausbildung fragten sie, ob Nikol nicht die sogenannte Vollausbildung zur Hauswirtschafterin anschließen wolle. Zwei weitere Jahre – ein nächster Schritt für die berufliche Sicherheit. Nikol sagte wieder Ja.

Heute ist sie im dritten Lehrjahr der Vollausbildung. Die Berufsschule liegt in Riem, der Unterricht läuft blockweise, mit einer Woche Blockunterricht im Monat. Die Klasse: 13 Personen. Die Lehrer*innen: offen, verständnisvoll, bereit, sich auf unterschiedliche Biografien einzulassen. Die im Frühjahr bestandene Zwischenprüfung nach den Bedingungen des Bildungsträgers der Regierung Oberbayern war ein wichtiger Meilenstein. Obwohl Nikol ein wenig nervös war – ein neues räumliches Umfeld, eine zufällig gezogene Aufgabe, ein ganzer Tag zwischen Wäschepflege und Kochen –, hat sie die Herausforderung gut gemeistert.

Den Großteil ihrer betrieblichen Praxiszeit verbringt Nikol nun in einer Kinderkrippe, die von diakonia bewirtschaftet wird. Sie arbeitet verlässlich, übernimmt Verantwortung, wird geschätzt. Wenn in einer anderen Einrichtung kurzfristig Personal gebraucht wird, wird oft sie gefragt. "Man weiß einfach, dass es läuft, wenn Nikol da ist", sagt Halina Neteler. Dabei sind entscheidend: ihre reflektierte Herangehensweise, das Verantwortungsgefühl – und der Anspruch an die eigene Leistung. "Auf Nikol kann man sich verlassen", betont Neteler.

Nikol in Reha-Ausbildung bei diakonia
Nikol in Reha-Ausbildung bei diakonia
Die Reinigung der Räume in der Kinderkrippe gehört in bestimmten Zyklen zur hauswirtschaftlichen Praxis und geht Nikol im Alltag leicht von der Hand.

Ein Konzept macht Schule

Nikol ist nicht die erste Person bei diakonia, für die eine Ausbildung ein wichtiger Meilenstein der beruflichen und persönlichen Entwicklung war. Auch in anderen Betrieben von diakonia sind Ausbildung und Umschulung ein integrativer Bestandteil von sozialer Arbeit.

Bei diakonia Secondhand ist aktuell eine junge Frau Umschülerin im Einzelhandel. Sandra möchte Kauffrau im Einzelhandel werden – ein klassischer Beruf, doch mit besonderen Anforderungen, wenn der Weg dorthin nicht geradlinig verläuft. Bei ihr liegt der Fokus besonders auf dem fachlichen Unterricht: Neben der Berufsschule bekommt sie betriebsintern zusätzliche Unterstützung in einigen Themenbereichen. Susanne Binder, Ausbilderin und Fachanleiterin bei diakonia im Bereich Secondhand, begleitet sie eng: "Wir sehen, wie wichtig es ist, dass Menschen mit besonderen Voraussetzungen nicht nur mitlaufen, sondern mitwachsen können – im Tempo, das für sie passt."

Auch deshalb beschäftigt man sich dort nun intensiv mit dem Konzept der Reha-Ausbildung. Die Idee: Perspektivisch könnte sie das bestehende Qualifizierungsangebot für Menschen mit besonderen Unterstützungsbedarfen sinnvoll erweitern – etwa als nächste Stufe nach einer Maßnahme zur beruflichen Orientierung. "Für uns ist das eine Chance, langfristige Entwicklungsschritte möglich zu machen", sagt Binder.

Unsere Arbeit ist dann am wirksamsten, wenn sie Übergänge schafft. Die Reha-Ausbildung ist ein starkes Instrument“, sagt Stefan Brand, Fachanleiter im diakonia Malerbetrieb.

Im Malerbetrieb von diakonia zeigt sich dieser Gedanke ebenfalls in der Praxis. Hier wird konsequent geprüft, welche formalen Qualifizierungen für die Mitarbeitenden infrage kommen – auch dann, wenn sie zunächst ohne Bezug zu einer Umschulung oder Ausbildung in einer AGH (Arbeitsgelegenheit) starten oder einfach als unterstützende Mitarbeitende eingestellt werden. Konrad, ein Mitarbeiter ohne formalen Abschluss, aber mit viel Erfahrung, überlegt aktuell, die Prüfung zum Malergesellen extern zu absolvieren – ein anspruchsvoller Schritt, den Tamara Moser, Malermeisterin und Ausbilderin, aktiv unterstützt. Es geht auch im Handwerk um mehr als gute Arbeit – es geht um persönliche Perspektiven.

Um Übergänge zwischen den verschiedenen Qualifizierungsstufen gerade für Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund noch besser begleiten zu können, plant auch der Malerbetrieb die Qualifizierung einer ReZa-Fachkraft. Stefan Brand, Fachanleiter und Sozialpädagoge im diakonia Malerbetrieb, sieht darin eine klare Linie: "Unsere Arbeit ist dann am wirksamsten, wenn sie Übergänge schafft. Die Reha-Ausbildung ist ein starkes Instrument, um mehr Menschen auf dem Weg in eine gesicherte berufliche Zukunft zu begleiten."

Nikol bei der Reha-Ausbildung

Die Verpflegung in einer Gemeinschaftseinrichtung ist zeitlich fest geplant. Ein wichtiger Moment für Nikol ist die Auslieferung des Mittagessens.

Reha-Ausbildung gibt es auch in anderen Betrieben der Diakonie München und Oberbayern: