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Nah am Menschen – wie Soziale Beschäftigung wirkt

Wie das Münchner Jobcenter und diakonia gemeinsam Perspektiven schaffen

Interview: Judith Egelhof
Fotos: Sebastian Wildmann

05. März 2026

Soziale Beschäftigung ist ein zentraler Baustein für Teilhabe und Integration in München. Im Interview spricht Anette Farrenkopf, Leitende Geschäftsführerin des Jobcenter der Landeshauptstadt München, über die Bedeutung sozialer Betriebe wie diakonia, erfolgreiche Wege in Arbeit – und wie sie die neue Grundsicherung jenseits der aktuellen Debatte einordnet.

Frau Farrenkopf
Frau Farrenkopf, welche Bedeutung haben soziale Beschäftigungsbetriebe wie diakonia für das Jobcenter München?

Anette Farrenkopf: Eine sehr große. München ist in einer besonderen Situation durch das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm. Diese Förderung schafft eine sehr breite und qualitativ hochwertige Landschaft an sozialen Betrieben. Und das ist für uns als Jobcenter ein großer Vorteil. Diese Betriebe ermöglichen Arbeitsgelegenheiten, die Menschen nicht nur beschäftigen, sondern ihnen wirklich helfen, wieder Stabilität zu gewinnen und Perspektiven zu entwickeln. Die Menschen werden nicht auf ihre aktuelle Leistungsfähigkeit reduziert, sondern als Persönlichkeiten mit ihrer Geschichte, ihren Ressourcen und ihren Unterstützungsbedarfen gesehen. Das ist eine wichtige Grundlage für jede Form von nachhaltiger Integration.

Soziale Betriebe sehen Menschen nicht nur als Arbeitskräfte, sondern als Menschen."
Die Zusammenarbeit findet ja nicht nur auf dem Papier statt, sondern sehr konkret im Alltag – etwa durch Betriebetouren oder Hausmessen. Wie erleben Sie das?

Anette Farrenkopf: Sehr positiv. Neben den individuellen Abstimmungen zwischen den Fachkräften in den Sozialbetrieben und uns gibt es regelmäßige Informationsformate. Wenn unsere Integrationsfachkräfte die Betriebe vor Ort kennenlernen, bleiben Geschichten in Erinnerung, entstehen Bilder und ein echtes Verständnis für das Umfeld und die Aufgaben. Das hilft enorm bei der Vermittlung. Die Hausmessen in den Sozialbürgerhäusern sind ein tolles Format für die Kund*innen. Gerade für langzeitarbeitslose Menschen ist ein niedrigschwelliger Zugang wichtig. Es ist so viel leichter, auf einer Messe ins Gespräch zu kommen, als allein den ersten Schritt zu machen. Und gleichzeitig sehen sie, wie viele sinnvolle und wertvolle Tätigkeiten es gibt.

Frau Farrenkopf

Anette Farrenkopf würdigt die Leistungen von Sozialen Betrieben bei der beruflichen Integration:
"Es geht darum, Entwicklung zu ermöglichen – auch wenn sie nicht geradlinig verläuft."

Wie gewichten Sie und Ihre Teams die Vermittlung in soziale Beschäftigung im Vergleich zu einer Integration in den ersten Arbeitsmarkt?

Anette Farrenkopf: Der erste Arbeitsmarkt bleibt grundsätzlich das Ziel unserer Integrationsarbeit. Aber der Weg dorthin ist nicht für alle gleich. Manche Menschen sind arbeitsmarktnah, andere bringen gesundheitliche, sprachliche oder biografische Barrieren mit. Für sie sind Arbeitsgelegenheiten ein geschützter Rahmen, um Fähigkeiten zu entwickeln und Stabilität zu gewinnen. Was soziale Betriebe auszeichnet, ist das Dranbleiben. Menschen werden nicht aufgegeben, wenn es Rückschläge gibt. Fehler dürfen passieren, Entwicklung braucht Zeit.

Es gelingt nicht immer alles im ersten Anlauf – und genau dafür braucht es soziale Betriebe."
Ein wichtiger Aspekt bei diakonia ist, dass die Arbeit marktorientiert und somit "echt" ist. Und oft gelingt aus einer Mitarbeit in einem sozialen Beschäftigungsbetrieb der Übergang in eine Qualifizierung oder eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

Anette Farrenkopf: Menschen spüren ganz genau, ob ihre Arbeit geschätzt wird. Wenn sie sehen, dass das, was sie tun, Teil eines echten betrieblichen Ablaufs ist – sei es beim Kochen, im Verkauf oder im Handwerk – dann fühlen sie sich als Teil einer Gemeinschaft. Das gibt ihnen ein starkes Gefühl von Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit. Und diese Erfahrung ist für viele der Schlüssel, um den nächsten Schritt zu machen. Das kann ein gefördertes Arbeitsverhältnis sein, eine Umschulung oder sogar das Nachholen eines Berufsabschlusses. Und solche Entwicklungen verändern oft nicht nur die berufliche Situation, sondern ganze Lebensverläufe. Das wirkt sich auch auf Familien aus, auf die Kinder. Wenn Menschen wieder in die Teilhabe finden, profitiert davon die ganze Gemeinschaft.

Frau Farrenkopf
Frau Farrenkopf

"Was soziale Betriebe leisten, ist ein unverzichtbarer Beitrag für diese Stadt." sagt Anette Farrenkopf, Leitende Geschäftsführerin des Jobcenter München in unserem Gespräch.

Die Einführung der neuen Grundsicherung wurde öffentlich sehr kontrovers diskutiert. Wie erleben Sie diese Debatte?

Anette Farrenkopf: Ich habe diese Debatte als sehr polarisiert und polarisierend erlebt. Es scheint oft, als würden Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, pauschal betrachtet oder gegeneinander ausgespielt. Die meisten Menschen möchten arbeiten und teilhaben, selbst unter schwierigen Bedingungen. Es ist wichtig, die individuellen Lebensumstände zu betrachten, anstatt vereinfachende Zuschreibungen vorzunehmen.

Die meisten Menschen möchten arbeiten und teilhaben, selbst unter schwierigen Bedingungen."
Was aus dem Bürgergeld bleibt aus Ihrer Sicht wichtig – und was bringt die neue Grundsicherung für eine nachhaltige Integrationsarbeit?

Anette Farrenkopf: Viele positive Elemente aus dem Bürgergeld bleiben bestehen. Besonders wichtig ist für uns die Förderung der sozialen Teilhabe am Arbeitsmarkt, also längerfristige, geförderte Beschäftigung. Dieses Instrument bleibt erhalten und ist entscheidend. Auch der Ausbau von Coaching- und Unterstützungsangeboten ist ein richtiger Schritt. Ein weiterer positiver Aspekt ist der erweiterte Passiv-Aktiv-Tausch. Das bedeutet, dass Gelder, die bisher für passive Leistungen genutzt wurden, stärker in aktive Integrationsmaßnahmen fließen können. Das ist aus meiner Sicht sinnvoll und kann die Integration nachhaltig unterstützen.

Wie ordnen Sie in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Kooperation und Mitwirkungspflichten ein?

Anette Farrenkopf: Kooperation bleibt ein zentraler Ansatz – und das finde ich sehr positiv. Gleichzeitig braucht es klare Regeln dort, wo Zusammenarbeit dauerhaft nicht stattfindet. Hier muss den Menschen auch klar sein, welche Mitwirkungspflichten es gibt. Entscheidend ist, dass wir die individuelle Situation der Menschen anerkennen und ihre Situation realistisch einschätzen. Offenheit und Kooperation sind dabei unerlässlich.

Gemeinsam lernen, sich austauschen, Probleme lösen

Frau Farrenkopf kennt die Besonderheiten des Münchner Arbeitsmarkts. Seit 2015 ist sie Leitende Geschäftsführerin des Münchner Jobcenter.

Wie bewerten Sie die Chancen, die die anstehende Sozialstaatsreform für die Integration von Menschen mit besonderen Unterstützungsbedarfen bietet?

Anette Farrenkopf: Die Sozialstaatsreform birgt das Potenzial, den Zugang zu Unterstützung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu verbessern. Durch die angestrebte Vereinfachung der Verwaltungsprozesse können Angebote besser an die Realität der Menschen angepasst werden. Wenn wir es schaffen, bürokratische Hürden abzubauen und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Trägern und Institutionen zu fördern, können wir nachhaltige Integrationsansätze entwickeln, die den Menschen wirklich helfen. Eine enge Vernetzung und ein ganzheitlicher Blick auf die Person sind entscheidend, um den Übergang in Arbeit und damit auch die gesellschaftliche Teilhabe zu erleichtern. Auch der Ansatz, die Transferentzugsraten im Zuge der Reform zu senken, um Anreize für Erwerbstätigkeit zu schaffen, ist richtig. Arbeit muss sich lohnen.

Je mehr wir in Menschen investieren, desto mehr kommt am Ende auch zurück."
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen am Arbeitsmarkt - und was braucht es in Zukunft für die berufliche Integration?

Anette Farrenkopf: Wir erleben derzeit mehrere Entwicklungen gleichzeitig: konjunkturelle Unsicherheiten und tiefgreifende Veränderungen am Arbeitsmarkt, etwa durch den technologischen Wandel. Auch wenn München weiterhin die Großstadt mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit bundesweit ist, spüren wir diese Effekte sehr deutlich. Der Einstieg in Arbeit wird anspruchsvoller, gerade für Menschen mit längeren Erwerbsunterbrechungen oder zusätzlichen Unterstützungsbedarfen.
Investitionen in berufliche Integration bleiben dabei wirksam, gesellschaftlich wie auch volkswirtschaftlich. Menschen gewinnen Stabilität und Perspektiven zurück und können Schritt für Schritt wieder in reguläre Beschäftigung übergehen. Gelingt dieser Übergang, zahlen sie Sozialversicherungsbeiträge und Steuern. Die Mittel, die zuvor eingesetzt wurden, fließen damit wieder in das System zurück. Deshalb gilt: Nachhaltige Investitionen in Menschen zahlen sich aus, für die Einzelnen ebenso wie für die Gesellschaft.
Soziale Beschäftigung leistet hier einen ganz wesentlichen Beitrag.

Was soziale Betriebe leisten, ist ein unverzichtbarer Beitrag für diese Stadt."

Anette Farrenkopf
Leitende Geschäftsführerin Jobcenter München

Anette Farrenkopf ist seit 1. Juni 2015 Leitende Geschäftsführerin des Jobcenter München. Die Diplom-Verwaltungswirtin war ab 1996 in leitenden Positionen für die Bundesagentur für Arbeit tätig, zunächst im SGB III, ab 2004 dann auch im SGB II. Ihre Stationen führten die gebürtige Tauberbischofsheimerin von Baden-Württemberg über Weilheim bis nach Traunstein und zuletzt wieder nördlicher nach München, wo sie als Geschäftsführerin das Jobcenter der Landeshauptstadt München leitet. In ihre Zeit als leitende Geschäftsführerin fiel sowohl die große Fluchtbewegung von 2015 wie auch die Einführung des Bürgergeldes, die Corona-Krise als auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Erholung von den Herausforderungen des Alltags findet Anette Farrenkopf in den Bergen. Sie lebt mit ihrem Mann im Landkreis München.